Dienstag, 15. Januar 2013

„Differenzierte Diskussion“ - orf.at

Die umstrittene Sprachförderung an Schulen ist am Montag Hauptthema bei der Präsentation des „Nationalen Bildungsberichts“ für das Jahr 2012 gewesen. Angesichts der Differenzen zwischen Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) und Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) forderte der Expertenrat für Integration am Montag eine differenzierte Diskussion.
Die Sprachförderung dürfe „nicht zu einem kurzlebigen, parteipolitisch besetzen Thema hochstilisiert werden“, heißt es in einem Schreiben, das u. a. von Expertenrat-Leiter Heinz Faßmann und Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak gezeichnet ist. Stattdessen brauche es eine sachliche und parteiunabhängige Diskussion durch „die besten Köpfe“.
Die Wissenschaftler betonen, dass schulische Sprachförderung nicht nur Schüler mit nicht deutscher Muttersprache, sondern „alle Kinder betrifft, die für eine schulische Kommunikation und Verständigung noch nicht ausreichend Deutsch sprechen“. Je früher mit der Sprachförderung begonnen werde, umso besser, verweisen die Forscher auf die wichtige Rolle des Kindergartens. Auch Mehrsprachigkeit müsse in einer umfassenden Konzeption berücksichtigt werden.

„International erprobte Modelle“

Zusätzlich sollen „international erprobte Modelle“ wie Spezialmodule und Sommerkurse für Schüler, die erst nach der Volksschule als Quereinsteiger in das österreichische Schulsystem eintreten, erwogen werden. Außerdem fordern die Experten die Berücksichtigung unterschiedlicher regionaler Voraussetzungen. So gebe es im ländlichen Raum mit seinen Dialekten möglicherweise andere Deutschkenntnisse und -kompetenzen als in der Stadt mit einer hohen Konzentration an Kindern nicht deutscher Muttersprache.
„Es gibt also kein einziges ‚One size fits all‘-Modell“ (etwa: „Eines passt für alle“-Modell, Anm.), betonen die Forscher. Ein modulares System würde hingegen ermöglichen, auf die individuellen Bedürfnisse und Vorqualifikationen der Schüler Rücksicht zu nehmen. Fördermaßnahmen müssten „mittel- und langfristig konzipiert werden“, betonen die Wissenschaftler.

Schmied mit Kurz einig gegen „Ausländerwahlkampf“

Schmied zeigte sich bei der Vorstellung des neuen Bildungsberichts am Montag versöhnlich in Richtung Kurz. Sie wolle vermeiden, dass die Schule in einen drohenden „Ausländerwahlkampf“ verwickelt werde, und mit Kurz in Sachen Sprachförderung enger zusammenarbeiten. „Von der Haltung her sind Staatssekretär Kurz und ich schon jetzt eng beisammen. Wir beide wollen, dass möglichst alle jungen Menschen in Österreich Erfolg haben, gute Bildung erzielen. Und da sollte dann jedenfalls bei diesem Anspruch und diesem Ziel kein Blatt zwischen uns passen, und schon gar keines, das vielleicht ein Briefpapier der FPÖ ist“ - mehr dazu in oe1.ORF.at.
Bis März will Schmied ihrem Regierungskollegen einen Expertenbericht mit konkreten Maßnahmen vorlegen. Kurz zeigte sich „erfreut über die Bewegung in der Sache“. „Damit dieses wichtige Thema kein Wahlkampfthema wird, müssen wir es vor dem Wahlkampf umsetzen. Das heißt: jetzt Tempo machen.“

Verdoppelung der Zahl mehrsprachiger Schüler

Laut dem neuen Bildungsbericht verdoppelte sich die Zahl der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch zwischen 1995 und 2011. In dieser Zeit sank der Anteil der „einsprachig deutschsprachigen“ Kinder an den Volksschulen von 88 auf 76 Prozent. „Daheim eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen heißt aber nicht, dass die Kinder nicht Deutsch sprechen oder keine guten Leistungen bringen können“, betonte Herausgeberin Barbara Herzog-Punzenberger vom Bundesbildungsinstitut (BIFIE) bei der Präsentation.

Ähnliches Bild in allen Bundesländern

Die Verdoppelung der Zahl mehrsprachiger Schüler zeigt sich in praktisch allen Bundesländern. In Kärnten, Niederösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg ist der Anstieg etwas niedriger, in Oberösterreich etwas höher, Wien und das Burgenland liegen etwa im Schnitt. Einzig die Steiermark ist mit mehr als einer Verdreifachung der Zahl der Kinder mit anderer Erstsprache (von rund 5.000 auf 16.000) ein Ausreißer.
Der Bildungserfolg mehrsprachiger Schüler ist je nach Herkunftsgruppe unterschiedlich: Schüler, die daheim Polnisch, Slowakisch oder Ungarisch sprechen, sind zu einem höheren Anteil in Gymnasien als rein deutschsprachige Kinder, so Herzog-Punzenberger. Umgekehrt ist dagegen die Lage türkischsprachiger Kinder.

Vergleich mit PISA-Studie 2009

Ähnliches zeigt die PISA-Studie 2009: Einsprachig deutschsprachige Kinder erzielten im Lesen im Schnitt 481 Punkte, Kinder mit Türkisch als Erstsprache 369 Punkte, Kinder aus dem bosnisch-kroatisch-serbischen (BKS) Sprachraum 412 und Kinder aus anderen Sprachgruppen 442 Punkte. Und: Zwölf Prozent der Schüler, die zu Hause nur Deutsch sprachen, besuchen fast jede Woche eine Deutschförderstunde in der Volksschule, 24 Prozent tun das manchmal.
Bei den Kindern, die daheim türkisch sprechen, beträgt der entsprechende Anteil 27 Prozent (fast jede Woche) bzw. 37 Prozent (manchmal), bei den BKS-Kindern 19 (fast jede Woche) bzw. 29 Prozent (manchmal). Deutliche Unterschiede gibt es auch bei den unterschiedlichen Schultypen: An den Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik bzw. -sozialpädagogik liegt der Anteil der mehrsprachigen Schüler nur bei vier Prozent, an berufsbildenden höheren Schulen (BHS) mit Tourismusschwerpunkt bei fünf Prozent, an Handelsakademien dagegen bei 24 Prozent.

Nachholbedarf bei Lehrerausbildung

Auch sonst zeigt sich ein differenziertes Bild: Mehrsprachige Kinder werden überdurchschnittlich oft in Vorschulklassen (und damit als nicht schulreif) eingestuft, landen überdurchschnittlich häufig in Sonderschulen und finden sich umgekehrt unterdurchschnittlich oft in AHS. Gerade an den höheren Schulen zeigt sich aber auch eine Art Trendumkehr: Betrug der Anteil von Schülern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch an AHS 1995 erst 4,6 Prozent, lag er im Schuljahr 2010/11 bereits bei 14,7 Prozent, an den BHS stieg er in diesem Zeitraum von 3,6 auf 12,7 Prozent.
Nachholbedarf gibt es laut Herzog-Punzenberger bei der Lehreraus- und -weiterbildung. Künftig solle es „keinen Lehrer geben, der nicht weiß, wie er kompetent mit der Mehrsprachigkeit der Schüler bzw. Eltern umgehen kann“.

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