Samstag, 5. Oktober 2013

Die Bildung könnte der Wahlsieger sein - DerStandard.at -- Kommentar der anderen | Karl Heinz Gruber, 4. Oktober 2013, 19:22

  • Vier Felder, die im Bildungssystem beackert gehören, und ein Aufruf dazu, allenfalls auch internationale Hilfe zu holen

In so gut wie allen Stellungnahmen zum Wahlergebnis und bei allen Mutmaßungen über die Prioritäten der nächsten Regierung wurde als erstes Thema "Bildung" genannt. Einmal davon abgesehen, dass Politiker zu glauben scheinen, dass ein (Lippen-)Bekenntnis zur Bildung immer gut wirkt, wäre es klug und hoch an der Zeit, diese offensichtlich für eine Bildungsreform günstige Situation für eine umfassende Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen des österreichischen Schulwesens zu nutzen und einen nationalen Bildungsgesamtplan mit klaren, realistischen und leistbaren Prioritäten zu formulieren.
Für eine Bildungs-Euphorie gibt es allerdings aus mehreren Gründen keinen Anlass. Bildungsreformen sind keine sofort wirksamen administrativen Kurskorrekturen wie etwa die Einführung einer Vermögenssteuer oder die Förderung von Solaranlagen. Bildungsreformen erfordern die Einsicht und Bereitschaft der Betroffenen, also Lernprozesse, die Zeit und oft auch zusätzliche Ressourcen brauchen. Klare Prioritäten sind deswegen notwendig, weil soziale Systeme und Institutionen wie Schulen nur ein bestimmtes Maß an Innovation verkraften können; wird ihnen zu viel Neues in zu kurzer Zeit zugemutet, reagieren sie mit Verweigerung oder Apathie.
Die neue Regierung muss bildungspolitisch weder das Rad noch das Feuer neu erfinden. Sie kann auf die Überlegungen zurückgreifen, die in das Bildungsvolksbegehren eingeflossen sind, und sie kann sich daran orientieren, was sich international als reformtauglich erwiesen hat und die OECD seit Jahrzehnten unter dem Slogan "What works" empfiehlt. In vier Entscheidungsfeldern scheint der Handlungsbedarf am vordringlichsten:
 Vorschulerziehung Vor etlichen Jahren wurden bei einer großen OECD-Bildungskonferenz den Experten diese Frage gestellt: Wenn Sie Ihrer Regierung nur eine einzige Reformmaßnahme empfehlen könnten, was wäre das? Mit großer Mehrheit war die Antwort: zwei Jahre qualitätsvolle Vorschulerziehung. Die neue Bundesregierung sollte sich daher mit den Ländern und den Gemeinden bemühen, für alle Kinder einen Rechtsanspruch auf zwei Jahre gute ganztägige Vorschulerziehung einlösbar zu machen. Manche Familien werden diesen Anspruch nicht voll ausschöpfen wollen oder müssen, während insbesondere nichtdeutschsprachige Kinder und ihre Mütter kompensatorische, integrationsträchtige Zusatzförderung brauchen.
 Schulorganisation Dass die Selektion von neuneinhalbjährigen Kindern für gymnasiale Schulkarrieren und die damit verbundene soziale Segregation ein Relikt des ständischen 19. Jahrhunderts sind, ist empirisch vielfach bewiesen und einer fairen, offenen, demokratischen Gesellschaft nicht würdig. Die frühe schulische Auslese beruht nicht auf verlässlichen Prognosen der zukünftigen intellektuellen Leistungsfähigkeit (diese sind nicht möglich), sondern auf den unterschiedlichen Aspirationen von bildungsnahen oder bildungsfernen Eltern. Diese Auslese ist volkswirtschaftlich unhaltbar: Sie amputiert die Bildungsambitionen vieler Kinder und lässt viele Begabungen brachliegen. Die Neue Mittelschule ist ein bedauerliches Kompromissprodukt. Was geboten ist und in der Mehrzahl der erfolgreichen OECD-Länder längst existiert, ist eine gemeinsame, selbstverständlich nach Begabungen und Interessen differenzierende Mittelschule der 10- bis 15-Jährigen.