Montag, 3. Dezember 2012

Eine Schule, die 90 Prozent des Lernens abdeckt - Stefanie Ruep - Der Standard



Wie es ihnen gefällt und was sie wollen oder brauchen: Die Neue Mittelschule Maxglan in Salzburg bietet vier "echte" Ganztagsschulklassen, aber auch schulische Nachmittagsbetreuung an
Salzburg - Freitag ist Handytag. Punkt 11.30 Uhr wird es laut im Freizeitraum der Neuen Mittelschule (NMS) Maxglan in Salzburg. Lara und Sandra stecken auf dem Ecksofa die Kopfhörer ihrer Smartphones an, stellen denselben Radiosender ein und singen lauthals mit. Rundherum zücken auch Mitschüler ihr Smartphone, spielen und tauschen sich über die neuesten Handy-Apps aus.
Konsolen- und Handyspiele sind hier nur an einem Wochentag erlaubt. Die von Erzieherinnen betreuten Freizeitstunden während des Unterrichts sind ein fixer Bestandteil der verschränkten Form der Ganztagsbetreuung, die die NMS Maxglan seit vier Jahren anbietet. Verschränkt heißt, Lernphasen und Freizeitaktivitäten werden im Tagesrhythmus der Schüler angeboten. Täglich gibt es eine verpflichtende Lernstunde, in der die Hausübungen zusammen mit den Klassenlehrern gemacht werden. 
Tischtennistische, Wuzler, Billard
In den Freizeitstunden bekommen die Schüler nicht nur ihr Mittagessen, sondern können sich auch vielfältig austoben. Der Raum gleicht einem Jugendzentrum: Tischtennistische, Wuzler, Billard, vier Computer mit Spielen und jede Menge Sitzkissen und Sofas zum "Chillen", was die Schüler in den Freizeitstunden am liebsten tun. Es gibt auch Fixpunkte in der Woche. Die Schüler können frei wählen zwischen Theater, Schach, Russisch und Proben in der schul-eigenen Band.
Die Schule bietet beide Formen der Ganztagsbetreuung an. Zu den rund 100 Schülern in den vier Ganztagsklassen mit der verschränkten Form kommen noch 64 Schüler aus anderen Klassen, die tageweise in der Nachmittagsbetreuung der Schule sind. Auch sie haben Freizeit- und Lernstunden, sind aber von der ersten bis zur vierten Klasse zusammengewürfelt. Die Lernstunde wird von einem Deutsch-, Englisch- oder Mathematiklehrer gehalten, der nicht zwingend der Klassenlehrer der Schüler sein muss.
Organisiert wird die Nachmittagsbetreuung an allen städtischen Schulen Salzburgs vom Verein Freizeitbetreuung. 134,40 Euro bezahlen die Eltern monatlich für die volle Ganztagsbetreuung inklusive Essen. 26,88 Euro kostet ein Wochentag monatlich. Es kann auch um einen Zuschuss von bis zu 100 Prozent der Betreuung und 60 Prozent des Essens am Magistrat angesucht werden.
Gegenseitige Unterstützung
Nach dem Essen hilft Magdalena ihrem Klassenkollegen Markus bei der Mathe-Hausübung. "Ich check das nicht und will nachher noch in den Turnsaal", sagt der Zweitklässler. David und Marco aus der dritten Klasse feilen in der Freizeitstunde lieber an ihren Comic-Zeichenkünsten. Die Ganztagsklasse finden beide praktisch: "Uns ist es lieber, die Hausübung in der Schule zu machen." Marco muss nach der Schule nur noch für Tests lernen. David meint: "Ich lern zu Hause gar nicht mehr und komm auch so mit einem Zweier oder Dreier durch."
Die Ganztagsbetreuung zeigt Wirkung: "Kein Kind aus der verschränkten Form hatte bisher eine Wiederholungsprüfung", erzählt Direktorin Ingeborg Holleis. Man dürfe aber auch nicht glauben, dass in den Lernstunden alles abgedeckt werde. Es könne schon sein, dass die Schüler am Wochenende Vokabeln lernen müssen. "90 Prozent werden abgedeckt. 100 Prozent wären vermessen", betont die Direktorin.
Direktes Feedback
Durch die Lernbetreuung bekommt der Lehrer auch direktes Feedback von den Schülern. "Wenn wir zu viel Hausübung haben und sie nicht schaffen, dann sagen wir es dem Lehrer, und er gibt nächste Woche weniger", erzählt Stefan aus der 4a.
So wie jeden Freitag dürfen die Schüler in der Freizeitstunde in den Turnsaal. Ob Erstklässler oder Viertklässler - alle wollen Merkball spielen, "außer die Zockerkinder", erklärt der Viertklässler Stefan, der in der Freizeitstunde lieber etwas "Sinnvolleres" macht. Beim Merkball müssen sich gerade die älteren Schüler vor den Jüngeren in Acht nehmen, denn "die Kleinen sind auf Zack und so schnell, die trifft man nicht".

schulRAUMkultur - Keine Architektur mehr ohne pädagogisches Konzept! Ein Symposium zum nachhaltigen Schulbau.

   
Linz - Mehr als 6.200 Schulen gibt es derzeit in Österreich.
Rund 200 davon werden jedes Jahr saniert und umgebaut. Hinzu kommt
jährlich eine Handvoll Neubauten. Nur in den seltensten Fällen wird
im Zuge der Planung und des Baus auch das architektonische
Raumkonzept überdacht. Die meisten Projekte werden immer noch ohne
Rücksicht auf neue pädagogische Erkenntnisse und Lernmodelle
abgewickelt. Das zeigte sich letzte Woche beim Symposium
"schulRAUMkultur", das vom 28. bis 30. November in Linz über die
Bühne ging. Rund 250 TeilnehmerInnen aus Politik und Verwaltung,
Pädagogik und Architektur waren anwesend.

   "Wenn es darum geht, Lernräume für Kinder und Jugendliche zu
schaffen beziehungsweise umzubauen und zu sanieren, dann sollten die
üblichen zentralisierten Planungsmethoden überdacht werden", sagt der
Symposium-Initiator Michael Zinner, Assistenzprofessor an der
Kunstuniversität Linz. "Zukunftsorientierte Räume an unseren Schulen
entstehen anders als bisher gewohnt, eine neue Kultur des
prozesshaften Entwickelns ist dringend notwendig." Die meisten der
rund 25 Vortragenden und DiskutantInnen aus Österreich, Deutschland,
Italien, Finnland und der Schweiz stimmten dieser These zu.

   Zwar gebe es in Österreich bereits einige in Umsetzung
befindliche, innovative Pilotprojekte wie etwa den Bildungscampus
Hauptbahnhof in Wien oder die Schulzentren in Pregarten
(Oberösterreich) und Moosburg (Kärnten), doch mit diesen wenigen
"goldenen Eiern", wie im Zuge der Gespräche immer wieder zu hören
war, könne man die österreichische Schulbaupolitik nicht maßgeblich
verändern. Was es brauche, so Zinner, sei "ein gemeinsamer Wille von
Politik, Behörden, PädagogInnen und PlanerInnen, die Schulbaukultur
hierzulande grundsätzlich zu überdenken." Eine der Möglichkeiten, die
der aktuellen pädagogischen Entwicklung angemessen sind, ist die
Forcierung von Partizipationsprozessen, also von Planungsabläufen, in
die die späteren NutzerInnen der Schulgebäude von Beginn an
involviert sind.