Linz - Mehr als 6.200 Schulen gibt es derzeit in Österreich.
Rund 200 davon werden jedes Jahr saniert und umgebaut. Hinzu kommt
jährlich eine Handvoll Neubauten. Nur in den seltensten Fällen wird
im Zuge der Planung und des Baus auch das architektonische
Raumkonzept überdacht. Die meisten Projekte werden immer noch ohne
Rücksicht auf neue pädagogische Erkenntnisse und Lernmodelle
abgewickelt. Das zeigte sich letzte Woche beim Symposium
"schulRAUMkultur", das vom 28. bis 30. November in Linz über die
Bühne ging. Rund 250 TeilnehmerInnen aus Politik und Verwaltung,
Pädagogik und Architektur waren anwesend.
"Wenn es darum geht, Lernräume für Kinder und Jugendliche zu
schaffen beziehungsweise umzubauen und zu sanieren, dann sollten die
üblichen zentralisierten Planungsmethoden überdacht werden", sagt der
Symposium-Initiator Michael Zinner, Assistenzprofessor an der
Kunstuniversität Linz. "Zukunftsorientierte Räume an unseren Schulen
entstehen anders als bisher gewohnt, eine neue Kultur des
prozesshaften Entwickelns ist dringend notwendig." Die meisten der
rund 25 Vortragenden und DiskutantInnen aus Österreich, Deutschland,
Italien, Finnland und der Schweiz stimmten dieser These zu.
Zwar gebe es in Österreich bereits einige in Umsetzung
befindliche, innovative Pilotprojekte wie etwa den Bildungscampus
Hauptbahnhof in Wien oder die Schulzentren in Pregarten
(Oberösterreich) und Moosburg (Kärnten), doch mit diesen wenigen
"goldenen Eiern", wie im Zuge der Gespräche immer wieder zu hören
war, könne man die österreichische Schulbaupolitik nicht maßgeblich
verändern. Was es brauche, so Zinner, sei "ein gemeinsamer Wille von
Politik, Behörden, PädagogInnen und PlanerInnen, die Schulbaukultur
hierzulande grundsätzlich zu überdenken." Eine der Möglichkeiten, die
der aktuellen pädagogischen Entwicklung angemessen sind, ist die
Forcierung von Partizipationsprozessen, also von Planungsabläufen, in
die die späteren NutzerInnen der Schulgebäude von Beginn an
involviert sind.
Der Südtiroler Pädagoge Josef Watschinger, Leiter des
Schulverbunds Pustertal und Mastermind des Netzwerks "lernen&raum"
sprach von einer "Landschaft der geteilten Verantwortung", in der
"Partizipation zu einem durchgängigen Grundmuster" wird. In Südtirols
wegweisenden Schulbaurichtlinien wird mittlerweile gefordert, "dass
jede Bildungseinrichtung, die an einen Neubau beziehungsweise an eine
Sanierung herangeht, zunächst in einem partizipativen Prozess das so
gennannte ,Organisationskonzept mit pädagogischer Ausrichtung'
entwirft, das die Grundlage für das Entwerfen und Planen im Dialog
bildet." Davon ist Österreich noch weit entfernt. Als Franz Hammerer
von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) in Wien forderte,
"es darf nicht sein, dass eine Schule nur thermisch saniert wird",
erntete er Szenenapplaus.
Roland Gruber vom Wiener Büro 'nonconform architektur vor ort'
stellte ein richtungsweisendes und erstmalig in Österreich
durchgeführtes Pilotprojekt dar: Verknüpfung von Bürgerbeteiligung
und Architekturwettbewerb. "Damit werden gestalterische Qualität,
Funktionalität und öffentliche Akzeptanz endlich zusammengeführt. Das
ist eine einzigartige Chance für die Schulumbauten und Sanierungen,
die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anstehen."
Laut Frauke Burgdorff von der Montag Stiftung in Bonn "belaufen
sich die Kosten für eine neue Qualität der Beteiligungsprozesse auf
0,5 bis 1,5 Prozent der Planungssumme", die selbst wiederum nur 2
Prozent der Lebenszykluskosten eines Schulgebäudes betragen. Das
bedeutet, dass auch sehr kleine Bauvorhaben an einer Schule zum
Anlass genommen werden können, um über räumliche Verbesserungen im
Bestand nachzudenken. Es brauche nur den politischen Willen dazu,
merkt der Moosburger Bürgermeister Herbert Gaggl, der zurzeit einen
neuen Bildungscampus mit seiner Gemeinde entwickelt, an: "Ich orte zu
viele Bewahrer und zu viel Zuständigkeiten im österreichischen
Bildungssystem und zu wenig Veränderer. Doch wenn man mit 0,2
Promille der Gesamtkosten eines Gebäudes die Zukunft verändern kann,
dann darf man nicht mehr länger warten. Es ist dringend an der Zeit."
Schlusstenor der Veranstaltung: Die PädagogInnen müssen
Verantwortung durch die Schulung ihrer Wahrnehmung und die
Formulierung ihrer räumlichen Bedürfnisse übernehmen. Die
ArchitektInnen sind aufgerufen, Lebensräume und nicht Bauformen zu
gestalten. Und die Behörden müssen endlich Farbe bekennen und für
zukunftsfähige Schulraumkonzepte Strategien der Ermöglichung
verwirklichen. Gemeinsam einigten sich alle Teilnehmenden auf ein
Bündel an Maßnahmen, die als Abschlusspapier des Symposiums nun in 16
Punkten vorliegen:
Anliegen an die Politik und Behörden
~
- Miteinbeziehung der NutzerInnen ab Projektbeginn
- Flächenrichtwerte pro SchülerIn statt fixer Raumprogramme
- Jede technische Sanierung ist Anlass für räumlich-pädagogisches
Neudenken!
- Partizipation und Öffentlichkeit als Teil von
Architekturwettbewerben
~
Anliegen an die PädagogInnen
~
- Pädagogisches Leitbild als notwendige Grundlage für räumliche
Entwicklung
- "Was brauchen wir nicht mehr, damit Neues entstehen kann?"
- Verpflichtende schulfreie Orientierungszeit nach der
Lehramtsausbildung
- Mehr raumbezogene Fortbildungen für LehrerInnen
~
Anliegen an die ArchitektInnen
- "ArchitektInnen, stellt uns die richtigen Fragen!"
- Anerkennung der Kompetenz der PädagogInnen
- Die richtige Sprache wählen, sich allgemein verständlich machen
- Gestalterische Verantwortung wahrnehmen
Allgemeine Anliegen
~
- Es braucht Bilder des Gelingens (Aufbau eines digitalen, offenen
Netzwerks)
- Fachübergreifende Orientierung an Best-Practice Beispielen und
internationalen Entwicklungen
- Prozessmoderationen in hoher Qualität
- Mehrfachnutzung aller Schulräume 365 Tage im Jahr
~
Die Kunstuniversität Linz als Hauptveranstalter bedankt sich bei
der Oberösterreichischen Landesregierung, dem BMUKK und den
zahlreichen SponsorInnen für die Unterstützung sowie bei allen
Beteiligten für Ihre konstruktiven Beiträge. In zwei Jahren wird
"schulRAUMkultur" wieder einladen, die bis dahin hoffentlich
erledigten Hausaufgaben zu reflektieren.
Rückfragehinweis:
Ass. Prof. DI Architekt Michael Zinner
Kurator schulRAUMkultur
Telefon: +43 (0)676 847 898 243
mailto:zinner@schulraumkultur.at
Mehr zum Symposium: www.schulraumkultur.at
Montag, 3. Dezember 2012
schulRAUMkultur - Keine Architektur mehr ohne pädagogisches Konzept! Ein Symposium zum nachhaltigen Schulbau.
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