Montag, 27. Februar 2012

Historisches Korsett: Schule, ein Produkt des Zufalls >> Rosa Schmidt-Vierthaler (Die Presse)

Das Schulsystem in Österreich hat dieselben Wurzeln wie die Schulsysteme in anderen europäischen Ländern. Was es jedoch auszeichnet, ist eine überdurchschnittlich starke Veränderungsresistenz.

Der historische Zufall ist eine Großmacht. Einmal eingetreten, können seine Folgen jahrhundertelang greifen, sogar bis in die Klassenzimmer des Jahres 2012. Freilich sind auch einige Fingerabdrücke auf den Zufällen zu finden, die unser Bildungssystem mitgestaltet haben: vor allem jene der Kirche und die des Militärs. Pädagogische Überlegungen fanden dagegen an den jahrhundertealten Traditionen kaum Berührungsflächen.

Viele der Eckpfeiler unseres Schulsystems stammen aus dem 19. Jahrhundert: Das Sitzenbleiben, die Jahrgangsklassen, die Noten von Eins bis Fünf. Der Fächerkanon ist gar eine (zufällige) Leistung des späten 18. Jahrhunderts. Sogar die Idee des Projektunterrichts hat 250 Jahre auf dem Buckel, allerdings konnte er sich in der „pädagogischen Steinzeit“ nicht durchsetzen. Viele Maßnahmen sind der Massenschule geschuldet, die sich im späten 18. Jahrhundert durch die Einführung der Schulpflicht entwickelt hat.

Natürlich ist nicht alles, was alt ist, schlecht, genauso wenig, wie alles Schlechte alt ist. Doch Erziehungswissenschaftler kritisieren das strenge Korsett, in das das österreichische Schulsystem gepresst ist, und das den Schulen wenig Raum gibt, selbst zu sehen, womit sie erfolgreich sind. Der klerikal-militärisch Geist von strammer Ordnung ist in den organisatorisch wie inhaltlichen Relikten des Schulsystems zu finden.

• So ranken sich mehrere Mythen um die Entstehung der 50-Minuten-Einheit. Diese könnte einerseits vom Militär kopiert worden sein und auf die Übung der Soldaten zurückgehen: eine Stunde Exerzieren – minus zehn Minuten Austreten und Pfeifenrauchen.