Wirtschaftswissenschafter Konrad Pesendorfer über den „zu frühen Zwang“, eine Berufswahl zu treffen und dem Akademikermangel. Vor allem bei der Lehre sieht Pesendorfer Handlungsbedarf.
Wien. Es ist eine Seltenheit, dass sich die obersten Statistiker des Landes zur inhaltlichen Beurteilung der eigenen Erhebungen zu Wort melden. Die Ergebnisse der Bildungsmonitoring-Studie der Statistik Austria wollte deren Generaldirektor, Konrad Pesendorfer, jedoch nicht unkommentiert lassen. Der ehemalige wirtschaftspolitische Berater von Kanzler Werner Faymann (SPÖ) warnt im Gespräch mit der „Presse“ vor den Gefahren des differenzierten Bildungssystems: „In Österreich herrscht vielfach ein zu früher Zwang, eine Berufs- oder Bildungsentscheidung treffen zu müssen“, sagt er mit Blick auf Hauptschule, Neue Mittelschule und Gymnasium. „Die Schulwahl determiniert sehr früh die spätere Berufslaufbahn.“ Die negativen Folgen: Lehrlinge mit einer zu spezifischen Ausbildung für einen sich immer schneller wandelnden Arbeitsmarkt, der Verlust von möglichen Talenten und eine zu geringe Akademikerquote.
Vor allem bei der Lehre sieht Pesendorfer – trotz positiver Aspekte – Handlungsbedarf: „Die Lehrlinge werden sehr spezifisch ausgebildet und sind daher sehr stark von der Entwicklung ihrer Branche abhängig.“ Wandle sich der Arbeitsmarkt, verlören sie auch leicht den Anschluss. Denn so gut der Einstieg in das Berufsleben auch gelinge (47,5 Prozent finden innerhalb von drei Monaten einen Job, weitere 14,7 Prozent innerhalb von sechs Monaten): Die Weiterbildung im Laufe des Berufslebens erweise sich als schwierig, so Pesendorfer. „Dem System fehlt die Durchlässigkeit. Für Interessierte und Begabte fehlt die Brücke zu einer höheren Ausbildung“, so Pesendorfer. „Vielleicht haben wir bereits so manche Chance auf Literatur-Nobelpreisträger vergeben, weil er oder sie sich zu früh für eine Werkslehre entscheiden musste.“
Auch im Schulsystem kritisiert der Statistik-Austria-Chef die frühe Selektion: „Wir müssen akzeptieren, dass sich Kinder und Jugendliche unterschiedlich schnell entwickeln.“ Das bestehende System sei „unfair“ gegenüber Spätentwicklern. Auch dass aufgrund der frühen Differenzierung oftmals nur die Eltern und nicht die Jugendlichen selbst über die Laufbahn entschieden, sei ein Manko, so Pesendorfer. Wie entscheidend die Schulwahl für die Karriere ist, belegen zwei Zahlen: Nur 4,5 Prozent aller AHS-Absolventen gehen direkt in den Beruf; bei berufsbildenden mittleren oder höheren Schulen sind es zwischen 40 und 55 Prozent.
Die Anreize und Gelegenheiten, rasch in den Arbeitsmarkt einzutreten, führten auch zu einem international niedrigen Akademikeranteil, sagt Pesendorfer. „Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben wollen, müssen wir bei den Hochschulabsolventen stark aufholen.“ Sonst ende man „als verlängerte Werksbank“ jener Staaten, in denen tatsächlich Innovation passiere.
Auch die Qualität der Hochschulen müsse steigen, so Pesendorfer. Hier müssten monetäre Mittel investiert werden: „Studierwillige sollten Bedingungen vorfinden, die hohe Qualität sicherstellen und andererseits ein rasches Vorankommen im Studium möglich machen.“ Transparenz im Schulsystem erhofft er sich von der Zentralmatura: Ein Qualitätsvergleich zwischen den einzelnen Schulen und Schultypen werde dann wesentlich leichter möglich sein.
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