Mahad aus Pakistan, Islam aus Tschetschenien und Benjamin aus Armenien: Sie verbringen ihren Nachmittag im Caritas-Lerncafé.
Salzburg. Schwungvoll öffnet Barbara Rokitansky die alte Holztüre. In der nächsten Sekunde schließt sie diese schon wieder. Auf und zu, immer wieder. „Knarren“, „die Tür knarrt“, „k-n-a-r-r-e-n“, sagt sie dabei. Dann geht sie vor die Tür und holt einen Kinderturnschuh. „Masche“, „ich binde eine Masche“, „M-a-sch-e“, beschreibt sie. Während die Lehrerin an ihrem Ohr zieht, wiederholt sie: „horchen“, „ich horche“, „h-o-r-ch-e-n“. Dabei hat sie einen aufmerksamen Zuhörer: den siebenjährigen Islam. Mit wachen Augen beobachtet der junge Tschetschene ihre Bewegungen, hört zu und versucht, die Worte zu wiederholen. Dann fällt sein Blick zurück auf das vor ihm liegende Lesebuch. „Lilo horcht“, liest er selbstständig. Ein kleiner Erfolg.
Nicht der einzige, der an diesem Nachmittag im Lerncafé der Caritas erzielt wird. 14 Kinder mit Migrationshintergrund nützen die Lern- und Nachmittagsbetreuung in den Räumlichkeiten der Pfarre St. Elisabeth im Salzburger Stadtteil Elisabeth-Vorstadt. Dort haben bis zu 80 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund. Ein heterogener Stadtteil, in dem etwa Türken, Armenier, Syrer, Tschetschenen und Pakistani leben. Eines ist vielen dieser Familien gemeinsam: Den Eltern ist es nicht möglich, die Kinder auf dem Weg durch das österreichische Schulsystem zu unterstützen. Geld für Nachhilfestunden ist keines da, das oft niedrige Bildungsniveau und die mangelnden Deutschkenntnisse tragen ihr Übriges dazu bei. Seit vergangenem Dezember versuchen die Mitarbeiter des Lerncafés zu helfen – und zwar gratis.
Pensionierte Lehrer helfen
„Ich fühle mich oft wie eine Schauspielerin“, sagt Barbara Rokitansky. Sie unterrichtet nicht nur an der benachbarten Volksschule Pestalozzistraße, sondern hilft auch im Lerncafé. Die Begriffe durch Bewegungen, Gesichtsausdrücke und Laute darzustellen, sei oft die einzige Möglichkeit, um den Kindern die Bedeutung von gewissen Wörtern verständlich zu machen. Wenn das dann so gut klappt wie bei Islam, ist die Freude groß.
Der zierliche Junge ist vor nicht einmal einem halben Jahr nach Österreich gekommen. Damals sprach der Tschetschene kein einziges deutsches Wort.Nun bewältigt er nicht nur die Lesehausübung, sondern erzählt den Betreuern auch ohne jegliche Schwierigkeiten von seiner drei Monate dauernden Reise von Tschetschenien bis nach Österreich. Einmal sei er etwa „ziemlich krank“ gewesen. Ein Freund seines Vaters, ein Armenier, habe ihm und seiner Familie geholfen. „Armenier sind nett“, sagt Islam in Richtung seines Gegenübers. Dort sitzt Benjamin, er stammt aus Armenien. Ob Islam während der Reise im Zelt schlafen musste, fragt die Betreuerin. Da antwortet dieser mit einer Gegenfrage: Was ist ein Zelt?
Ja. Die Betreuer brauchen Geduld. Viele von ihnen sind pensionierte Lehrer, auch ein ehemaliger Direktor und eine Krankenpflegerin im Ruhestand packen mit an. Bezahlt ist nur ein Posten: Jener von Nada Sedlak, der Leiterin des Lerncafés. Sie ist selbst in Kroatien aufgewachsen und erst im Alter von 13 Jahren nach Österreich gekommen. Was die Kinder durchmachen, hat sie persönlich erlebt.
Manche der Kinder im Lerncafé sind bereits länger in Österreich. Einige warten immer noch auf einen positiven Asylbescheid. Wenn sie Gedichte über das „Osterhasi“ auswendig lernen, die „Dreierreihe“ üben oder eine Sage von einem feuerspeienden Drachen lesen, dann merkt man kaum, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Wenn Amir das Wort Dinosaurier liest und anmerkt, dass es auf russisch ähnlich klingt, und Mahad die österreichische Fahne zeichnet und genau beschreibt, wie die pakistanische aussieht, dann zeigt sich das oft vergessene Potenzial, dass ihr Migrationshintergrund birgt.
Langsam, aber doch gewinnt diese Sichtweise auch in der Politik Terrain. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) fördert das Lerncafé jährlich mit 22.000 Euro. Die Gesamtkosten belaufen sich pro Jahr auf rund 35.000 Euro – die Differenz wird von der Caritas bzw. einzelnen Spendern aufgebracht. Das Konzept hat sich bereits in allen Bundesländern durchgesetzt. Und dennoch: Der Bedarf kann nicht einmal annähernd gedeckt werden. Allein der Standort in Elisabeth-Vorstadt ist doppelt überbucht. 18 Schüler stehen auf der Warteliste.
Badezimmer als Rückzugsplatz
Der erste Gong zur Pause ertönt. Während Amir und Islam ihre Kräfte beim Armdrücken messen, erzählt Mahad von den Problemen zu Hause. Der Familie macht ein Wasserrohrbruch zu schaffen. Sein Zimmer, dass er sich mit seinem jüngeren Bruder und seiner älteren Schwester teilt, ist mittlerweile so stark von Schimmel befallen, dass er es nicht mehr betreten darf. Geschlafen wird nun im Wohnzimmer. Die Couch teilt er sich mit seinem Bruder. Kein Einzelfall, bestätigt die Leiterin des Lerncafés. Viele vier- bis fünfköpfige Zuwandererfamilien würden in Wohnungen mit weniger als 25 Quadratmetern leben. Da kann es schon vorkommen, dass der einzig ruhige Platz, um die Hausübung zu erledigen, das Badezimmer ist.
Der zweite Gong läutet die letzten 60 Minuten Lernzeit ein. Der achtjährige Benjamin kann kaum noch still sitzen. Ungeduldig schaukelt er mit seinem Sessel und bekundet lautstark, dass ihm langweilig ist. Aus der Ruhe lassen sich die Betreuer dadurch nicht bringen. Der Zeitplan ist hier keine Verhandlungssache. Die gesunde Jause und das Spielen im Garten – beides muss noch warten.
Im Lerncafé werden die Kinder daran gewöhnt, sich an gewisse Strukturen zu halten. Doch wie motiviert man den quirligen Jungen, der ohnehin bereits der beste Mathematiker in seiner Klasse, der 2b, ist? Der Betreuer versucht es mit einer Erklärung: „Hausübung heißt, zu Hause üben. Es ist keine Strafe, sondern Training – wie beim Fußball.“ „Dann werde ich lieber gleich Fußballer“, antwortet Benjamin.
Auf einen Blick
Das Lerncafé ist ein kostenloses Lern- und Nachmittagsangebot der Caritas. Dreimal pro Woche können sechs- bis 15-jährige Schüler das Lerncafé besuchen. Jenes in Salzburg ist Montag, Dienstag und Donnerstag, jeweils von 13.30 bis 17 Uhr geöffnet. Aufgenommen wird, wer sozial bedürftig und lernwillig ist. Migrationshintergrund ist nicht Voraussetzung. In der Praxis hat der Großteil der Kinder ausländische Wurzeln. Das Konzept hat sich bereits in allen Bundesländern durchgesetzt. Österreichweit gibt es 16 derartige Einrichtungen. Mehr Infos dazu: www.caritas.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2012)
Auch Online-Lernpartner-Börsen gibt es schon! Z.B. auf http://lernpartner.blogspot.com (und eine Gruppe auf Facebook).
AntwortenLöschenBernhard