Die Presse: Sie vertreten die Ansicht, lebenslanges Lernen habe mit Ausbeutung zu tun. Warum?
Erich Ribolits: Lernen passiert ohnehin durch Erfahrungen lebenslänglich. Das institutionalisierte Lernen, das Lernen, das von der Ökonomie gesetzten Zielen untergeordnet ist, ist zwar wichtig um einen Arbeitsplatz zu bekommen oder zu behalten, sollte aber in Grenzen gehalten werden.
Ist Bildung abseits von ökonomischer Verwertbarkeit nicht illusorisch?
Ich glaube nicht. Aber: In einer Zeit, in der der Konkurrenzkampf innerhalb der Gesellschaft massiv ansteigt, klingt es absurd, zu fordern, dass Bildung etwas anderes sein soll als bloß eine Investition. Jedoch ist der Mensch nicht nur ein Rohstoff. Er gestaltet Leben und Zusammenleben. Diese Gestaltungsmöglichkeit muss erlernt werden. Indem die Menschen nur ausgebildet werden, unter gegebenen Bedingungen zu funktionieren, passiert das nicht.
Wie sollte Bildung aussehen?
Fast alle Menschen müssen etwas lernen, das am Arbeitsmarkt gebraucht wird. Die Frage ist jedoch, ob man mit Scheuklappen auf das Ziel „Verwertbarkeit“ hinsteuert oder ob es Freiräume zum Selbstständig-Denken und Abwege-Gehen gibt.
Braucht also etwa auch der Buchhalter die Freiheit, kritisch zu denken?
Ja. Er braucht es im demokratiepolitischen Sinn, in einem humanitären Sinn und vielleicht auch in einem ökonomischen Sinn. Leute, die bloß gelernt haben, zu funktionieren, sind in Krisenzeiten nicht brauchbar. Generell kann man sagen, dass der fordistische Massenarbeiter, der bloß funktioniert, überholt ist. Er wird weitestgehend von der Technologie ersetzt. In der Wirtschaft braucht es verstärkt Leute, die in der Lage sind über den Status quo hinauszudenken und Utopien zu entwickeln.
Ist es auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, um seiner selbst Willen zu lernen, oder fehlt der Drill?
Wer aus eigenem Antrieb lernt, lernt sicher mehr. Allerdings kann man Freiwilligkeit, Kreativität und Lust nicht in Bahnen zwingen. Lust zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihren Zweck in sich trägt. In dem Moment, wo Lust in Dienst genommen wird, verliert sie ihren Charakter.
Sollte es bereits Schülern offenstehen, abseits eines gewissen Grundstocks ihre Bildungsinhalte selbst zu wählen?
Ja. Im Alter von 14 oder 15 Jahren ist es bereits sinnvoll, dass Schüler Auswahlmöglichkeiten haben. Bislang kann man den eigenen Interessen nur im Studium nachgehen. Durch die neuen Studienbedingungen wird diese Möglichkeit allerdings zunehmend unterlaufen.
Ist das aus staatlicher Sicht nicht verständlich?
Der Staat hat tatsächlich keine unbegrenzten Ressourcen. Aber trotzdem: Der Staat ist nicht nur dafür da, die ökonomische Performance eines Landes zu fördern, sondern auch, menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen.
Sollten Menschen, die aus Interesse lernen und nicht aus ökonomischen Gründen, nicht auch dafür zahlen?
Im Prinzip geben die Menschen etwas dafür her. Sie verwenden Lebenszeit, um zu lernen. Ein Bildungssystem, in dem für Bildung gezahlt werden muss, begünstigt automatisch bestimmte Bevölkerungsgruppen. Das kann mit Förderungssystemen ein wenig abgefedert werden, aber es bleibt immer ein Rest von sozialer Selektivität.
Sie bezeichnen es als absurd, Chancengleichheit zu fordern.
In einem System, dass auf Konkurrenz aufgebaut ist, ist es legitim, zu fordern, dass alle im Wettbewerb vom selben Punkt weglaufen. Es muss aber klar sein, dass Konkurrenz nicht automatisch die Besten fördert. Auch am Markt setzt sich nicht immer das Bessere durch, sondern das, hinter dem mehr Marktmacht steht. Völlige Chancengleichheit wird es nie geben. Wenn man wirklich den elterlichen Einfluss zurückdrängen möchte, der verschiedentlich eine Benachteiligung bedeutet, dann müsste man die Kinder den Eltern schon bei der Geburt wegnehmen.
Die Chancengleichheit könnte aber gestärkt werden.
Ja. Fast alles deutet darauf hin, dass frühe Entscheidungen im Bildungswesen – in Richtung qualitativ unterschiedlicher Bildungswege – sozial selektiv sind. Je früher die Entscheidung fällt, desto eher werden sie von den Eltern gefällt. Eltern leben in einer bestimmten sozialen Welt, dementsprechend werden sie ihre Kinder auch eher in diese soziale Welt holen wollen.
Im Zusammenhang mit der Chancengleichheit wird derzeit der verpflichtende Kindergartenbesuch diskutiert.
Aufgrund der Förderung im Elternhaus sind viele Kinder schon nicht mehr auf dem gleichen Niveau, wenn sie in die Volksschule kommen. Das verpflichtende Kindergartenjahr ergibt insofern Sinn. Aber: Dieses Lernen, um in ein bestimmtes Korsett hineinzukommen, weiter nach vorne zu verschieben, halte ich für diskussionswürdig.
Zur Person
Erich Ribolits (63) forschte bis zu seiner Pensionierung 2008 am Institut für Bildungswissenschaft der Uni im Bereich der Aus- und Weiterbildungsforschung. Zuvor war Ribolits Berufsschullehrer und arbeitete lange Jahre in der Lehrerausbildung. Sein Spezialgebiet ist die Ökonomisierung der Bildung. Buchtipp: „Bildung ohne Wert“, Löcker Verlag, 200 Seiten, 19,80 €.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2011)
Wie sollte Bildung aussehen?
Fast alle Menschen müssen etwas lernen, das am Arbeitsmarkt gebraucht wird. Die Frage ist jedoch, ob man mit Scheuklappen auf das Ziel „Verwertbarkeit“ hinsteuert oder ob es Freiräume zum Selbstständig-Denken und Abwege-Gehen gibt.
Braucht also etwa auch der Buchhalter die Freiheit, kritisch zu denken?
Ja. Er braucht es im demokratiepolitischen Sinn, in einem humanitären Sinn und vielleicht auch in einem ökonomischen Sinn. Leute, die bloß gelernt haben, zu funktionieren, sind in Krisenzeiten nicht brauchbar. Generell kann man sagen, dass der fordistische Massenarbeiter, der bloß funktioniert, überholt ist. Er wird weitestgehend von der Technologie ersetzt. In der Wirtschaft braucht es verstärkt Leute, die in der Lage sind über den Status quo hinauszudenken und Utopien zu entwickeln.
Ist es auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, um seiner selbst Willen zu lernen, oder fehlt der Drill?
Wer aus eigenem Antrieb lernt, lernt sicher mehr. Allerdings kann man Freiwilligkeit, Kreativität und Lust nicht in Bahnen zwingen. Lust zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihren Zweck in sich trägt. In dem Moment, wo Lust in Dienst genommen wird, verliert sie ihren Charakter.
Sollte es bereits Schülern offenstehen, abseits eines gewissen Grundstocks ihre Bildungsinhalte selbst zu wählen?
Ja. Im Alter von 14 oder 15 Jahren ist es bereits sinnvoll, dass Schüler Auswahlmöglichkeiten haben. Bislang kann man den eigenen Interessen nur im Studium nachgehen. Durch die neuen Studienbedingungen wird diese Möglichkeit allerdings zunehmend unterlaufen.
Ist das aus staatlicher Sicht nicht verständlich?
Der Staat hat tatsächlich keine unbegrenzten Ressourcen. Aber trotzdem: Der Staat ist nicht nur dafür da, die ökonomische Performance eines Landes zu fördern, sondern auch, menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen.
Sollten Menschen, die aus Interesse lernen und nicht aus ökonomischen Gründen, nicht auch dafür zahlen?
Im Prinzip geben die Menschen etwas dafür her. Sie verwenden Lebenszeit, um zu lernen. Ein Bildungssystem, in dem für Bildung gezahlt werden muss, begünstigt automatisch bestimmte Bevölkerungsgruppen. Das kann mit Förderungssystemen ein wenig abgefedert werden, aber es bleibt immer ein Rest von sozialer Selektivität.
Sie bezeichnen es als absurd, Chancengleichheit zu fordern.
In einem System, dass auf Konkurrenz aufgebaut ist, ist es legitim, zu fordern, dass alle im Wettbewerb vom selben Punkt weglaufen. Es muss aber klar sein, dass Konkurrenz nicht automatisch die Besten fördert. Auch am Markt setzt sich nicht immer das Bessere durch, sondern das, hinter dem mehr Marktmacht steht. Völlige Chancengleichheit wird es nie geben. Wenn man wirklich den elterlichen Einfluss zurückdrängen möchte, der verschiedentlich eine Benachteiligung bedeutet, dann müsste man die Kinder den Eltern schon bei der Geburt wegnehmen.
Die Chancengleichheit könnte aber gestärkt werden.
Ja. Fast alles deutet darauf hin, dass frühe Entscheidungen im Bildungswesen – in Richtung qualitativ unterschiedlicher Bildungswege – sozial selektiv sind. Je früher die Entscheidung fällt, desto eher werden sie von den Eltern gefällt. Eltern leben in einer bestimmten sozialen Welt, dementsprechend werden sie ihre Kinder auch eher in diese soziale Welt holen wollen.
Im Zusammenhang mit der Chancengleichheit wird derzeit der verpflichtende Kindergartenbesuch diskutiert.
Aufgrund der Förderung im Elternhaus sind viele Kinder schon nicht mehr auf dem gleichen Niveau, wenn sie in die Volksschule kommen. Das verpflichtende Kindergartenjahr ergibt insofern Sinn. Aber: Dieses Lernen, um in ein bestimmtes Korsett hineinzukommen, weiter nach vorne zu verschieben, halte ich für diskussionswürdig.
Zur Person
Erich Ribolits (63) forschte bis zu seiner Pensionierung 2008 am Institut für Bildungswissenschaft der Uni im Bereich der Aus- und Weiterbildungsforschung. Zuvor war Ribolits Berufsschullehrer und arbeitete lange Jahre in der Lehrerausbildung. Sein Spezialgebiet ist die Ökonomisierung der Bildung. Buchtipp: „Bildung ohne Wert“, Löcker Verlag, 200 Seiten, 19,80 €.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2011)
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