Samstag, 22. Februar 2014

Warum eine Grazer Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige in allen Belangen besser abschneidet als vergleichbare Gymnasien. Ein Lokalaugenschein. Von Christa Zöchling / PROFIL


So wie sie da steht, ist diese Schule ein Moloch. In einem ehemaligen Gewerbeviertel im Westen von Graz, einer Gegend ohne Schönheit und Charakter, schwingt sich ein glänzendes Blechdach über einen riesigen Flachbau. Oberhalb einer Fassade aus Glas prangt blaues Gestänge aus Stahl, über die gesamte Länge. Und ein Fahrradabstellplatz für hunderte von Rädern gibt zu verstehen: Hier wird Wissen vermittelt – und zwar in großem Stil.

Mehr als 800 Schüler und Schülerinnen im Alter von zehn bis 18 Jahren strömen täglich in die „Klusemannstraße“. Rund 100 Lehrer und Lehrerinnen unterrichten hier an der sogenannten Neuen Mittelschule – zugleich auch Gymnasium und Realgymnasium.

Es ist früh am Morgen, die Schulglocke ist eben verklungen, doch keines der Kinder hier rennt um sein Leben die Treppen hinauf, die Treppen hinunter, ins Kellergeschoß mit den 828 pinkfarbenen Spinden, die Gänge entlang und in die Klassenzimmer hinein – weil es vielleicht zu spät dran sein könnte. Nur ein Junge im Rollstuhl rast dahin.
Viele Klassentüren stehen sperrangelweit offen. Auch auf den weiten Gängen lungern Mädchen und Buben um rote und gelbe Glastische, Köpfe über Bücher gebeugt, mit dem Nachbarn auf Englisch konversierend. Licht vom Winterhimmel fällt über die Glasfront ein. Es murmelt, summt, schrillt und tönt durchs ganze Haus.
In den Klassenzimmern stehen Schulbänke, wie es sie immer schon gab, mit einer Vertiefung fürs Federpennal und Raum für zappelnde Beinchen. Im Englischunterricht stehen, wie in allen Hauptfächern der Unterstufe, zwei Lehrer oder Lehrerinnen vor der Klasse.
Renate Schnelzer und Monika Haring sind seit 15 Jahren ein Team, zu einem mehrgestaltigen Wesen verschmolzen. Ein Blick genügt, ein Wink, und eine vollendet den Satz der anderen. „Von innen heraus haben wir eine gemeinsame Idee des Unterrichtens“, sagt Schnelzer. Die beiden strahlen Ruhe und Sicherheit aus, befleißigen sich einer Aussprache, die eines Radiosprechers würdig wäre, und sind „bloß“ Hauptschullehrerinnen.
In einer anderen Klasse ist die erfahrene Schnelzer, die sich im 40. Dienstjahr befindet, mit der jungen Julia Schindelka, einer AHS-Lehrerin, zusammengespannt. Hier kommt es vor, dass die Frauen einander ins Wort fallen oder ratlos ansehen.

Glücksfall
„Teamteaching“ ist hohe Kunst, kein Wettbewerb um Beliebtheit oder Autorität. Man muss es aushalten, dass der andere für manches begabter ist als man selbst, und sich ohne Hochmut der eigenen Stärken bewusst sein. Die ungleiche Bezahlung macht es nicht leichter. Hauptschullehrer bekommen weniger.

Für engagierte Lehrer war die „Klusemannstraße“ ein Glücksfall. Der steirische ÖVP-Landesschulratspräsident Bernd Schilcher, der sich selbst aus kleinen Verhältnissen nach oben gekämpft hat, war Ende der 1980er-Jahre auf die verzweifelte Suche nach einem Gymnasium gegangen, das sich mit Hauptschulen gemeinsam auf das Abenteuer einer Gesamtschule einlassen wollte. Er fand keines. Und so wurde ein neues Gymnasium – im Schulversuch war von einer „demokratischen Schule“ die Rede – auf die Wiese gestellt.
Die „Klusemannstraße“ ist heute ein Abbild der Grazer Gesellschaft in den Westbezirken von Graz mit einem Ausländeranteil von 20 Prozent. Auf die soziale Balance wird geachtet: Es werden gezielt auch Kinder aufgenommen, die mit schlechten Noten die Volksschule abgeschlossen haben und die, wie Direktor Klaus Tasch sagt, bisweilen später wie Raketen durchstarten. Und es gibt hier Kinder, die eine körperliche oder geistige Behinderung haben.
Selbst in jenen Klassen, in denen vom ersten Jahr an alle Fächer teilweise in Englisch unterrichtet werden, sitzen keine handverlesenen Sprachgenies, sondern Kinder, deren Eltern das wollten und die sich an den Sprechtagen auch sehen lassen.

Elitärer als in der „Klusemannstraße“ geht es in ihrer Dependance, der ehemaligen „Marschallschule“, heute „Klex“ genannt, zu. In einer Gegend in Graz, in der immer schon arme Leute wohnten. Vor zwei Generationen noch galt der alte Kasten als schwierige Unterrichtsschule. Heute wird dort mit offenen Lernformen experimentiert. Was auf den ersten Blick nach abgehobener Pädagogik riecht, erweist sich als radikale Weiterentwicklung der „Klusemannstraße“ – mit dem Wermutstropfen, dass hier ganz offfensichtlich der Nachwuchs von Bessergestellten, jedenfalls Akademikereltern, den Ton angibt.

Samstag, 1. Februar 2014

Entspannt euch! Kommentar | Lisa Nimmervoll31. Jänner 2014, 18:37


  • Sozialen Chancenausgleich in der Schule muss niemand fürchten, aber jeder wollen

Die österreichischen Schulen waren beim "Qualitätscheck", alle. Getestet wurde, wie es ihnen gelingt, den Schülern in der vierten Volksschulklasse das Mathematik-Wissen zu vermitteln, das "Standard" für alle sein soll, und wie es bei den Schülern in der achten Schulstufe mit deren Englischkenntnissen aussieht.
Das Ergebnis ist zum Teil no na und beruhigend: Wie anders als klar besser sollten denn die Gymnasien, die auf eine vorsortierte Schülerpopulation zurückgreifen können, bei einer solchen Testung abschneiden?! Alles andere wäre absurd und alarmierend.
Die Fakten: Der Anteil von Kindern mit Eltern, die einen Uni-Abschluss haben, ist in AHS mit 43 Prozent viermal so hoch wie in Hauptschulen (elf) und dreimal so hoch wie in Neuen Mittelschulen (14). Umgekehrt ist der Anteil der Kinder mit sehr hoher bzw. hoher sozialer Benachteiligung in Hauptschulen (19 Prozent) viermal, in NMS (25) fünfmal höher als in Gymnasien (5). Das sind Rahmenbedingungen, die vieles erklären.
Denn noch immer sind die Schülergruppen, die abgehängt werden, sehr klar zu identifizieren. Soziale Nachteile, die die Kinder von außen mitbringen, manifestieren sich noch immer als schlechtere Bildungsleistungen. Wer Eltern mit wenig Bildung hat, wird selbst wenig Bildung haben. Und "mit Migrationshintergrund" wird es noch schwieriger, in diesem System zu reüssieren. Das verhärtet und reproduziert soziale Schieflagen.
Gesellschaftliche Ungleichheitslagen sind aber kein ehernes Erbe. Die Leistungsdifferenz in Englisch, wo deutschsprachige und nichtdeutschsprachige Kinder quasi von einer Startlinie losrennen, erklärt sich fast zur Gänze aus Unterschieden im Sozialstatus, der Migrationsaspekt wirkt da nicht nachteilig. Das ist ein Ansatzpunkt, den die Politik - nicht nur die Schulpolitik, die kann es nicht allein! - ins Zentrum holen muss.
Dass die Neuen Mittelschulen diesen sozialen Chancenausgleich trotz schwierigerer Ausgangslage (mehr sozial stark benachteiligte Kinder und auch mehr Schüler mit Migrationshintergrund als die Hauptschulen) - und mit mehr Ressourcen, wohlgemerkt! -, schaffen und in Englisch gleiche Leistungen wie die Hauptschulen zustande bringen, zeigt: Wer sich bewusst mit der Zusammensetzung der Schüler und dem Unterricht, noch dazu im Lehrer-Tandem, auseinandersetzen muss, macht viel richtig. Es wirkt.
Die Analyse der Ergebnisse zeigt vor allem eines: Schule bzw. Schulpolitik muss sich stärker mit außerschulischen Rahmenbedingungen konfrontieren, wenn sie leisten will, was sie soll. Es bedeutet einen gravierenden Unterschied, ob man in einer Klasse unterrichtet, in der fast nur Kinder aus bildungsnahen, saturierten Familien sitzen oder in einer babylonischen Versuchsanordnung, in der viele den Kopf mit existenzielleren Problemen draußen vor dem Schultor voll haben.
Da hin müssen in Zukunft mehr Ressourcen. Mut zur Umverteilung - und die privilegierten Eltern müssen keine Angst haben, dass ihre Kinder benachteiligt werden könnten. Wer in einem Haus voller Bücher, CDs und genug Geld aufwächst, dem kann die Schule gar nicht wirklich schaden. Kein Grund zum Konkurrenzneid von oben.
Man möchte sagen: Entspannt euch! Es ist für euch und eure Kinder letztlich viel wichtiger, als ihr vielleicht ahnt, ob die, die jetzt in der Schule an den Pannenstreifen gedrängt werden, danach immer noch nicht fahrtüchtig sind, um durchs Leben zu kommen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 1.2.2014)

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Euren Stillstand möchten wir haben! Sepp Wall-Strasser, DerStandard.at


Österreich beweist der Welt, dass es sozialer geht, aber Neoliberale arbeiten dagegen

"Euren Stillstand möchten wir haben!" Das sagte ein hochrangiger deutscher Gewerkschafter einem österreichischen Publikum unlängst. Überall beneiden uns die Regierungen um den Zustand in unserem Land, um eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, um unsere Einkommen und unseren Wohlstand. Dennoch spricht alles in den Medien von Stillstand und Reformstau.
Kanzlerin Angela Merkel erreichte fast die absolute Mehrheit, obwohl Deutschland im Lohnniveau hinter Österreich herhinkt, eine höhere Arbeitslosenrate aufweist, und höher verschuldet ist. Hierzulande mussten als Folge der Blockadepolitik der ÖVP die beiden größeren Parteien zittern, überhaupt noch eine Mehrheit an Mandaten zu bekommen. Auf dieses Schlechtreden der eigenen Politik können die Sozialstaatshasser wie Strache, Stronach oder ihre Softversion - die Neos - gut aufsetzen. Wenn die Hälfte der Regierung ihre Politik nicht mehr verteidigt, haben es politische Rattenfänger leicht.
Es gibt kaum ein Land in Europa, das zuletzt sozialpolitische Verbesserungen erreichen konnte. Im Gegenteil: Fast überall ging man daran, Leistungen zurückzuschrauben. Österreich führte eine Mindestsicherung für alle ein, sichert allen medizinische Grundversorgung, ein Mindestlohn von 1300 Euro gilt de facto für alle, eine Bankenabgabe, die Verursacher der Finanzkrise wenigstens ein wenig zur Kasse bittet, kam.
Genau das ist das Problem, das viele Interessengruppen mit Österreich haben: dass wir am (Ausbau des) Sozialstaat(es) festhalten. Unser "Problem" besteht vor allem darin, dass wir noch nicht so tief gesunken sind bzw. uns noch nicht eine desaströse Sparpolitik verordnet haben. Seit Jahren schreit die OECD Zeter und Mordio wegen unseres Pensionssystems. Ebenso lange zeigt die OECD auf, dass bei uns Vermögen viel zu wenig besteuert sind. Das lässt man in der veröffentlichten Propaganda geflissentlich beiseite. Dabei wissen alle, die sich mit der Pensionsproblematik beschäftigen, dass Pensionssicherung auf dem Prinzip der Vollbeschäftigung beruht. Aber das will niemand hören.
Wir brauchen kräftige Besteuerung des Reichtums, neuen sozialen Wohnbau, Investitionen ins Energiesparen, keine Sparpolitik, die einfache Leute und den Mittelstand schröpft. Aber genau das ist ja nicht gemeint. Alle geforderten Reformen bedeuten Verschlechterung. Reformiert soll der Sozialstaat werden. Denn er ist dem Kapital im Wege. Es geht uns deswegen noch gut, weil und nicht obwohl wir am Wohlfahrtsstaat festgehalten haben. Wir beweisen der Welt, dass es auch anders - sozialer - geht. Deswegen sind wir neoliberalen Sozialstaatsabbauern ein Dorn im Auge. Sie sehen jetzt eine Chance, dieses für sie viel zu soziale Österreich zu knacken. Und die ÖVP macht da kräftig mit.
Eiskalte Austeritätspolitik wird heraufbeschworen, vor allem von Journalisten und dem Boulevard. Das Ergebnis kann jeder sehen, der sich für die Lage nicht nur in Griechenland, Spanien oder Rumänien, sondern auch in Deutschland interessiert. Aber das scheint ja alles so fern. (Sepp Wall-Strasser, DER STANDARD, 11.12.2013)
Sepp Wall-Strasser ist Bereichsleiter für Bildung und Zukunftsfragen im ÖGB Oberösterreich und Gründungsmitglied von Attac Österreich.

Sonntag, 20. Oktober 2013

BRAIN DAYS 2013 - Ein voller Erfolg!



Das Schul- und Erziehungszentrum (SchEz) und der Sozialdemokratische LehrerInnenverein OÖ (SLÖ)  veranstalteten am 18. und 19. Oktober 2013 das Symposium „Brain Days“  mit den Themen Denken, Lernen und Fühlen aus Sicht der Gehirnforschung.

Frau Klubobfrau Mag.a Gertraud Jahn hielt vor mehr als 200 TeilnehmerInnen dieses hochinteressanten Symposiums ihre Eröffnungsrede.

 Unter Leitung von Frau Dr.in Manuela Macedonia vom Max-Planck-Institut für Kognition und Neurowissenschaften in Leipzig und weiteren hochkarätigen ReferentInnen der Universität Heidelberg und vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, 
konnten die TeilnehmerInnen ihren Wissensdurst nach mehr Informationen darüber, wie das Gehirn des Menschen funktioniert, stillen.
Beim Symposium „Brain Days“ präsentierten renommierte Wissenschaftler Aktuelles aus der Gehirnforschung in Kurzvorträgen und Workshops. Ein Mix an Vorträgen zu verschiedenen jedoch zusammen hängenden Themen wird angeboten. Laien bekamen schrittweise Einführungen zu den Inhalten, erfuhren über aktuelle Forschung und konnten mit den Experten ihre Fragen diskutieren. Die TeilnehmerInnen erhielten einen wichtigen Einblick, wie Lernen überhaupt gelingen kann, welche Voraussetzungen und Bedingungen effizientes Lernen hat und welche Problemlagen sich damit ergeben können.
Ziel dieser Tagung war es, allen Interessierten den Wissenstransfer von der Erforschung des Gehirns zur Lernpraxis zu ermöglichen. In Vorträgen und Workshops erklärten ExpertInnen, wie das Gehirn etwa bezüglich sozialem Verhalten, der Sprache, der Emotion und im Bereich der Musik funktioniert. Weitere Schwerpunkte sind das Thema Aggression und die Bedeutung von Bewegung für das Lernen. Es wurde der Frage nachgegangen, wie sich die Vorgänge in unseren Köpfen auf unser tägliches Leben auswirken.

Die Brain Days 2013 stellten eine Fortsetzung der Brain Days 2012 dar. Sie waren vollständig ausgebucht, 220 Personen konnten einen Platz erhalten.

Gleichzeitig wurde bei diesem Symposium das Buch „Gehirn für Fortgeschrittene!“ zum ersten Mal präsentiert. Es ist eine Fortsetzung des bereits ausverkauften 1. Buches „Gehirn für Einsteiger“.

Dieses Buch legt in anschaulicher und verständlicher Weise neueste und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse darüber vor, wie man sich an dieses hochkomplexe Gebiet „Gehirn und Lernen“ herantasten kann und entlarvt so allerlei Falschannahmen und trendigen, überholten Common Sense in Bezug auf dieses Gebiet.
Die limitierte Printausgabe von “Gehirn für Fortgeschrittene” wird vom SchEz direkt um € 15.-verkauft. Informationen dazu finden Sie auf der SchEz Homepage. Bestellungen richten Sie bitte direkt an sekretariat@schez.at.
Wir ersuchen wir um Berichterstattung in ihrem Medium
Lizenzfreie Fotos sind unter http://www.cityfoto.at/galerie/9413
und 
HTTP://www.cityfoto.at/galerie/9412/ erhältlich.

Samstag, 5. Oktober 2013

Die Bildung könnte der Wahlsieger sein - DerStandard.at -- Kommentar der anderen | Karl Heinz Gruber, 4. Oktober 2013, 19:22

  • Vier Felder, die im Bildungssystem beackert gehören, und ein Aufruf dazu, allenfalls auch internationale Hilfe zu holen

In so gut wie allen Stellungnahmen zum Wahlergebnis und bei allen Mutmaßungen über die Prioritäten der nächsten Regierung wurde als erstes Thema "Bildung" genannt. Einmal davon abgesehen, dass Politiker zu glauben scheinen, dass ein (Lippen-)Bekenntnis zur Bildung immer gut wirkt, wäre es klug und hoch an der Zeit, diese offensichtlich für eine Bildungsreform günstige Situation für eine umfassende Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen des österreichischen Schulwesens zu nutzen und einen nationalen Bildungsgesamtplan mit klaren, realistischen und leistbaren Prioritäten zu formulieren.
Für eine Bildungs-Euphorie gibt es allerdings aus mehreren Gründen keinen Anlass. Bildungsreformen sind keine sofort wirksamen administrativen Kurskorrekturen wie etwa die Einführung einer Vermögenssteuer oder die Förderung von Solaranlagen. Bildungsreformen erfordern die Einsicht und Bereitschaft der Betroffenen, also Lernprozesse, die Zeit und oft auch zusätzliche Ressourcen brauchen. Klare Prioritäten sind deswegen notwendig, weil soziale Systeme und Institutionen wie Schulen nur ein bestimmtes Maß an Innovation verkraften können; wird ihnen zu viel Neues in zu kurzer Zeit zugemutet, reagieren sie mit Verweigerung oder Apathie.
Die neue Regierung muss bildungspolitisch weder das Rad noch das Feuer neu erfinden. Sie kann auf die Überlegungen zurückgreifen, die in das Bildungsvolksbegehren eingeflossen sind, und sie kann sich daran orientieren, was sich international als reformtauglich erwiesen hat und die OECD seit Jahrzehnten unter dem Slogan "What works" empfiehlt. In vier Entscheidungsfeldern scheint der Handlungsbedarf am vordringlichsten:
 Vorschulerziehung Vor etlichen Jahren wurden bei einer großen OECD-Bildungskonferenz den Experten diese Frage gestellt: Wenn Sie Ihrer Regierung nur eine einzige Reformmaßnahme empfehlen könnten, was wäre das? Mit großer Mehrheit war die Antwort: zwei Jahre qualitätsvolle Vorschulerziehung. Die neue Bundesregierung sollte sich daher mit den Ländern und den Gemeinden bemühen, für alle Kinder einen Rechtsanspruch auf zwei Jahre gute ganztägige Vorschulerziehung einlösbar zu machen. Manche Familien werden diesen Anspruch nicht voll ausschöpfen wollen oder müssen, während insbesondere nichtdeutschsprachige Kinder und ihre Mütter kompensatorische, integrationsträchtige Zusatzförderung brauchen.
 Schulorganisation Dass die Selektion von neuneinhalbjährigen Kindern für gymnasiale Schulkarrieren und die damit verbundene soziale Segregation ein Relikt des ständischen 19. Jahrhunderts sind, ist empirisch vielfach bewiesen und einer fairen, offenen, demokratischen Gesellschaft nicht würdig. Die frühe schulische Auslese beruht nicht auf verlässlichen Prognosen der zukünftigen intellektuellen Leistungsfähigkeit (diese sind nicht möglich), sondern auf den unterschiedlichen Aspirationen von bildungsnahen oder bildungsfernen Eltern. Diese Auslese ist volkswirtschaftlich unhaltbar: Sie amputiert die Bildungsambitionen vieler Kinder und lässt viele Begabungen brachliegen. Die Neue Mittelschule ist ein bedauerliches Kompromissprodukt. Was geboten ist und in der Mehrzahl der erfolgreichen OECD-Länder längst existiert, ist eine gemeinsame, selbstverständlich nach Begabungen und Interessen differenzierende Mittelschule der 10- bis 15-Jährigen.

Samstag, 6. Juli 2013

FSG: Die Weiterentwicklung des Regierungsentwurfs könnte neue Verhandlungsqualität bringen

LehrerInnendienstrecht setzt notwendige pädagogische Impulse

 „Lehrverpflichtung ist Unterrichtsverpflichtung plus Beziehungsarbeit. Ich sehe unsere Gleichung in der letzten Weiterentwicklung des Regierungsentwurfs erstmals anerkannt“, stellt Thomas Bulant, Bundesvorsitzender der FSG PflichtschullehrerInnen, fest. „Die Regierung hat aufgegriffen, dass ein Dienstrecht auch pädagogische Impulse setzen muss.“

In der Neuen Mittelschule sind heute schon Kinder-Eltern-LehrerInnen-Gespräche implementiert. Laut Bulant könnten LehrerInnen aller Schularten zum Beispiel mit Lernberatung und Schülersprechstunden punkten. „Wir leisten vieles, was unsere Schulpartner nicht mehr missen wollen“, sagt Bulant. „Ich bin optimistisch wie die KollegInnen aus der BMHS, dass diese Leistungen über die Unterrichtsarbeit hinaus wertgeschätzt in die Dienstrechtsverhandlungen einfließen werden.“

Rückfragehinweis:
   FSG-GÖD-Presse
   Franz Fischill
   Tel.: (01) 534 44/39 266
   Mobil: 0664/814 63 11
   e-mail: franz.fischill@oegb.at

Freitag, 5. Juli 2013

HTL-Professor und Handarbeitslehrerin nicht vergleichbar? SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Ein wunderbarer Satz von Finanzministerin Maria Fekter hat viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Obwohl er vier fundamentale Schieflagen unserer Arbeitswelt sehr präzise benennt.



Absicht war dieser Satz wahrscheinlich nicht: „Eine Handarbeitslehrerin in der Volksschule ist nicht mit einem Technikprofessor an der HTL vergleichbar“, sagte Maria Fekter. Sie meinte die Verhandlungen über das neue Lehrerdienstrecht. Doch dieser Satz verdient es, genauer untersucht und gewürdigt zu werden.

Vier Hierarchiepaare stecken drin. Das erste: Volksschule und HTL, die kleinen und die großen Kinder also. Mit kleinen Kindern zu arbeiten sei weniger wert, als mit großen Kindern zu arbeiten – darüber herrscht in Österreich Konsens. Es bringt weniger Prestige und weniger Geld. Aber warum eigentlich? Daran, dass das kleine Einmaleins leichter ist als die Integralrechnung, kann es nicht liegen. Ist es etwa leichter, Kindern Ersteres beizubringen? Braucht es dafür weniger Gespür, weniger didaktische Fähigkeiten, weniger soziale Kompetenz?
Eher ist es umgekehrt: je jünger die Kinder, desto größer die Verantwortung. Was im Kleinkindalter passiert (oder nicht passiert), legt schließlich den Grundstein für den gesamten weiteren Bildungsweg. In anderen Branchen wird mehr Verantwortung mit mehr Geld und Ehre belohnt, oder?
Verwandt mit diesem Hierarchiepaar ist das zweite: die Lehrerin und der Professor. Ja, da legt die AHS-Lehrergewerkschaft viel Wert drauf, dass die beiden nicht miteinander verwechselt werden. „Professor“ nennt man im angloamerikanischen Raum einen Hochschullehrer mit einem PhD oder einer Habilitation. In Österreich reicht dafür ein Magistertitel. So billig dieser Professor zu erwerben ist, so hartnäckig wird er verteidigt, denn nur er garantiert den Distinktionsgewinn gegenüber Pflichtschullehrern. Gerade dann, wenn sonst kein Unterschied besteht; gerade dann, wenn beide vor ähnlichen Kindern stehen und nach demselben Lehrplan dasselbe unterrichten, sei es Integralrechnung, Biologie oder Werken.
Womit wir beim dritten Hierarchiepaar sind: Handarbeiten und Technik. Ersteres gibt es ja streng genommen gar nicht mehr. „Technisches und textiles Werken“ heißt das Fach, und da wäre beides, das Häkeln und die Laubsägearbeit, theoretisch auf gleicher Hierarchiestufe vereint.
In unseren Köpfen schaut das jedoch anders aus, auch in unserem Sprachgebrauch – und in den Kollektivverträgen. Mit „Technik“ ist meistens die Metallindustrie gemeint, ein IT-Betrieb, ein Werkzeugmacher oder eine Automobilfabrik. Dort sind gut bezahlte Facharbeiter am Werk. Eine Textilfabrik oder Näherei hingegen zahlt deutlich weniger. Weil „Handarbeiten“ weniger wert ist als andere Arten Handarbeit? Weil man damit die häkelnden Mädchen aus der Volksschule assoziiert? Oder warum sonst?

Das letzte Hierarchiepaar entlarvt sich an dieser Stelle beinahe von selbst. Die Handarbeitslehrerin (mit den kleinen Kindern) ist eine Frau, der Technikprofessor (mit den großen) ist ein Mann. Und so selbstverständlich der Unterschied zwischen ihren Geschlechtsmerkmalen, so selbstverständlich erscheint uns, dass der eine mehr verdient als der andere. Was die beiden tun, sei „nicht vergleichbar“, heißt es. Und wenn doch, dann geht der Vergleich immer zu seinen Gunsten aus.
An genau diesen vier Schieflagen hakt es – nicht nur in unseren Schulen, sondern auch in unserer Arbeitswelt. So präzise wie Maria Fekter hätte das keine Gender- oder Bildungsforscherin auf den Punkt gebracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2013)

Samstag, 29. Juni 2013

Heute schon die Schule von morgen gestalten!

Der Ausbau kindgerechter Ganztagsschulen, die gerechte
Zuteilung von Ressourcen an Schulen und moderne Schulbaurichtlinien
sind drei Kernforderungen von SPÖ-Klubvorsitzender Mag.a Gertraud
Jahn. "Für die SPÖ stehen in Schulfragen immer die Kinder im
Mittelpunkt. Wir wollen gerechte Chancen für alle Kinder - egal aus
welchem Elternhaus sie kommen. Deshalb haben wir eine ganze Reihe von
konkreten Initiativen im Oö. Landtag eingebracht, die in
Oberösterreich umgesetzt werden können und das Schulwesen im Land
nachhaltig verbessern würden", weist Jahn auf die vielen offenen
SPÖ-Initiativen im Bildungs-Unterausschuss des Landtags hin.

Der aktuelle Ausbau von ganztägigen Schulen ist eine große Chance für
höhere Qualität im heimischen Bildungswesen - allerdings nur dann,
wenn es gelingt, mehr kindgerechte Ganztagsschulen zu errichten. Wenn
nämlich Unterricht mit Bewegungs- und Freizeitphasen in kindgerechter
Form über den Tag verteilt stattfindet, dann hat das nachweislich
positive Auswirkungen: Die Zahl der Klassenwiederholungen sinkt
enorm, das Aggressionspotential nimmt ab und sowohl Lehrkräfte wie
auch Schulkinder haben mehr Freude an der Schule. "Damit der Ausbau
kindgerechter Ganztagsschulen gelingt, müssen auch die erforderlichen
Ressourcen vorhanden sein", zeigt die SPÖ-Bildungssprecherin auf.

Um den Ausbau ganztägiger Schulen bestmöglich vorantreiben zu können,
müssen auch die Schulbaurichtlinien des Landes Oberösterreich
überarbeitet werden. "Ganztägige Schulen haben andere
Raumerfordernisse als Halbtagsschulen. Mehr Flexibilität, mehr Raum
für Bewegung und Freizeit und Möglichkeiten für das Mittagessen in
den Schulen sind die Hauptthemen", stellt Jahn fest.

Schulen mit schwierigen Rahmenbedingungen brauchen zusätzliche
Ressourcen, um ihren Bildungsauftrag bestmöglich erfüllen zu können.
Die Linzer Universitätsprofessoren Altrichter und Bacher haben dazu
ein Modell erarbeitet, das von der SPÖ im Oö. Landtag als
Initiativ-antrag eingebracht wurde. "Es ist eine Frage der
Gerechtigkeit, dass man Kindern und Lehrkräften in Schulen mit
schwierigen Rahmenbedingungen auch die nötige Hilfe anbietet. Dabei
geht es vor allem um zusätzliche LehrerInnenstunden samt
Hilfspersonal bis hin zu SozialarbeiterInnen", argumentiert Jahn.

Donnerstag, 13. Juni 2013

www.zweiklassenpaedagogik.at

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Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die besten und bestausgebildeten PädagogInnen zu den Allerjüngsten müssen und dass am Anfang, in der Elementarbildung und in den ersten Jahren der Schule wesentliche Grundlagen gelegt werden, welche die Bildungschancen und Bildungslaufbahn der Kinder entscheidend und nachhaltig beeinflussen.

In diesen frühen Jahren wird über alles entschieden, was später kommt. Aus diesem Grund wird in der PädagogInnenbildung NEU die Ausbildung der LehrerInnen an dieses Verständnis angepasst - bald werden die ersten Master mit VolksschülerInnen arbeiten.

Weil uns alle Kinder gleich viel wert sind, steht für die Unterzeichnenden unverrückbar fest:

Die verantwortungsvolle Arbeit aller PädagogInnen für unsere Kinder ist gleich wertvoll – nicht gleichARTIG aber gleichWERTIG! Daher muss für gleichwertige Master-Qualifikation der LehrerInnen aller Altersstufen gleicher Lohn bezahlt werden.

Der unlängst bekannt gewordene Vorschlag der ÖVP, verlässt nach 27 Runden erfolgloser Verhandlungen die bisherige Linie, PädagogInnen in Zukunft mit gleicher Dienstverpflichtung und gleicher Entlohnung auszustatten. Für uns bedeutet dieser Vorschlag ein Festhalten an einer Zweiklassenpädagogik, die wir aufs Entschiedenste zurückweisen.

Für uns bedeutet der ÖVP-Vorschlag das Festhalten an einer Zweiklassenschule, die wir überwinden wollen - im Interesse der Bildungschancen aller Kinder!

Die Initiatoren: Thomas Bulant, Daniel Landau, Elmar Mayer, Bernd Schilcher, Reinhart Sellner, Harald Walser 

Donnerstag, 6. Juni 2013

Lehrer: SPÖ-Gewerkschaft über ÖVP-Vorschlag entsetzt - DiePresse.com

 Ein "Zweiklassendienstrecht" ist für die roten Pflichtschullehrer "inakzeptabel". Sie fordern gleichen Verdienst bei gleicher Ausbildung für Pflichtschullehrer und Lehrer an höheren Schulen.

Die roten Pflichtschullehrer sind "entsetzt" über den Vorschlag der ÖVP zum Lehrerdienstrecht. Damit werde "die Zweiklassengesellschaft unter LehrerInnen fortgeschrieben", kritisierte der Vorsitzende der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG) in der Pflichtschullehrergewerkschaft, Thomas Bulant. "Die ÖVP verwehrt uns trotz gleichwertiger Masterausbildung in Zukunft die gleichwertige Entlohnung."

Der Hintergrund: Die ÖVP hat sich vom Ziel eines einheitlichen Dienstrechts für alle Lehrer verabschiedet und am Mittwoch ein Alternativmodell vorgelegt.
Es sieht weiter unterschiedliche Gehaltskurven für die einzelnen Lehrertypen (Pflichtschule, AHS, BMHS, Berufsschule, Landwirtschaftsschulen) vor.

Außerdem: Es soll künftig nicht mehr über eine Erhöhung der Unterrichtspflicht gestritten werden, sondern ein Präsenzzeitmodell geben. Wie viele Stunden die Lehrer wöchentlich in der Schule anwesend sein müssen, soll sozialpartnerschaftlich ausverhandelt werden.

Soziale Verantwortung zu tragen

Für die FSG ist es "inakzeptabel", dass die Pflichtschullehrer "weiterhin die höchste Unterrichtsverpflichtung mit dem niedrigsten Lebenseinkommen haben werden". Während die ÖVP auf Kosten der Pflichtschulen das Budget zu sanieren versuche, hätten Pflichtschullehrer weiterhin ihre große soziale Verantwortung für einen Großteil der jungen Generation zu tragen", so Bulant. "Für alle müsste eine Stunde Leseerziehung in der Volksschule genauso viel wert sein wie eine Stunde Mathematik in der Sekundarstufe."