Samstag, 22. Februar 2014
Warum eine Grazer Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige in allen Belangen besser abschneidet als vergleichbare Gymnasien. Ein Lokalaugenschein. Von Christa Zöchling / PROFIL
So wie sie da steht, ist diese Schule ein Moloch. In einem ehemaligen Gewerbeviertel im Westen von Graz, einer Gegend ohne Schönheit und Charakter, schwingt sich ein glänzendes Blechdach über einen riesigen Flachbau. Oberhalb einer Fassade aus Glas prangt blaues Gestänge aus Stahl, über die gesamte Länge. Und ein Fahrradabstellplatz für hunderte von Rädern gibt zu verstehen: Hier wird Wissen vermittelt – und zwar in großem Stil.
Mehr als 800 Schüler und Schülerinnen im Alter von zehn bis 18 Jahren strömen täglich in die „Klusemannstraße“. Rund 100 Lehrer und Lehrerinnen unterrichten hier an der sogenannten Neuen Mittelschule – zugleich auch Gymnasium und Realgymnasium.
Es ist früh am Morgen, die Schulglocke ist eben verklungen, doch keines der Kinder hier rennt um sein Leben die Treppen hinauf, die Treppen hinunter, ins Kellergeschoß mit den 828 pinkfarbenen Spinden, die Gänge entlang und in die Klassenzimmer hinein – weil es vielleicht zu spät dran sein könnte. Nur ein Junge im Rollstuhl rast dahin.
Viele Klassentüren stehen sperrangelweit offen. Auch auf den weiten Gängen lungern Mädchen und Buben um rote und gelbe Glastische, Köpfe über Bücher gebeugt, mit dem Nachbarn auf Englisch konversierend. Licht vom Winterhimmel fällt über die Glasfront ein. Es murmelt, summt, schrillt und tönt durchs ganze Haus.
In den Klassenzimmern stehen Schulbänke, wie es sie immer schon gab, mit einer Vertiefung fürs Federpennal und Raum für zappelnde Beinchen. Im Englischunterricht stehen, wie in allen Hauptfächern der Unterstufe, zwei Lehrer oder Lehrerinnen vor der Klasse.
Renate Schnelzer und Monika Haring sind seit 15 Jahren ein Team, zu einem mehrgestaltigen Wesen verschmolzen. Ein Blick genügt, ein Wink, und eine vollendet den Satz der anderen. „Von innen heraus haben wir eine gemeinsame Idee des Unterrichtens“, sagt Schnelzer. Die beiden strahlen Ruhe und Sicherheit aus, befleißigen sich einer Aussprache, die eines Radiosprechers würdig wäre, und sind „bloß“ Hauptschullehrerinnen.
In einer anderen Klasse ist die erfahrene Schnelzer, die sich im 40. Dienstjahr befindet, mit der jungen Julia Schindelka, einer AHS-Lehrerin, zusammengespannt. Hier kommt es vor, dass die Frauen einander ins Wort fallen oder ratlos ansehen.
Glücksfall
„Teamteaching“ ist hohe Kunst, kein Wettbewerb um Beliebtheit oder Autorität. Man muss es aushalten, dass der andere für manches begabter ist als man selbst, und sich ohne Hochmut der eigenen Stärken bewusst sein. Die ungleiche Bezahlung macht es nicht leichter. Hauptschullehrer bekommen weniger.
Für engagierte Lehrer war die „Klusemannstraße“ ein Glücksfall. Der steirische ÖVP-Landesschulratspräsident Bernd Schilcher, der sich selbst aus kleinen Verhältnissen nach oben gekämpft hat, war Ende der 1980er-Jahre auf die verzweifelte Suche nach einem Gymnasium gegangen, das sich mit Hauptschulen gemeinsam auf das Abenteuer einer Gesamtschule einlassen wollte. Er fand keines. Und so wurde ein neues Gymnasium – im Schulversuch war von einer „demokratischen Schule“ die Rede – auf die Wiese gestellt.
Die „Klusemannstraße“ ist heute ein Abbild der Grazer Gesellschaft in den Westbezirken von Graz mit einem Ausländeranteil von 20 Prozent. Auf die soziale Balance wird geachtet: Es werden gezielt auch Kinder aufgenommen, die mit schlechten Noten die Volksschule abgeschlossen haben und die, wie Direktor Klaus Tasch sagt, bisweilen später wie Raketen durchstarten. Und es gibt hier Kinder, die eine körperliche oder geistige Behinderung haben.
Selbst in jenen Klassen, in denen vom ersten Jahr an alle Fächer teilweise in Englisch unterrichtet werden, sitzen keine handverlesenen Sprachgenies, sondern Kinder, deren Eltern das wollten und die sich an den Sprechtagen auch sehen lassen.
Elitärer als in der „Klusemannstraße“ geht es in ihrer Dependance, der ehemaligen „Marschallschule“, heute „Klex“ genannt, zu. In einer Gegend in Graz, in der immer schon arme Leute wohnten. Vor zwei Generationen noch galt der alte Kasten als schwierige Unterrichtsschule. Heute wird dort mit offenen Lernformen experimentiert. Was auf den ersten Blick nach abgehobener Pädagogik riecht, erweist sich als radikale Weiterentwicklung der „Klusemannstraße“ – mit dem Wermutstropfen, dass hier ganz offfensichtlich der Nachwuchs von Bessergestellten, jedenfalls Akademikereltern, den Ton angibt.
Samstag, 1. Februar 2014
Entspannt euch! Kommentar | Lisa Nimmervoll31. Jänner 2014, 18:37
Die
österreichischen Schulen waren beim "Qualitätscheck", alle. Getestet
wurde, wie es ihnen gelingt, den Schülern in der vierten
Volksschulklasse das Mathematik-Wissen zu vermitteln, das "Standard" für
alle sein soll, und wie es bei den Schülern in der achten Schulstufe
mit deren Englischkenntnissen aussieht.
Das Ergebnis ist zum Teil no na und beruhigend: Wie anders als klar besser sollten denn die Gymnasien, die auf eine vorsortierte Schülerpopulation zurückgreifen können, bei einer solchen Testung abschneiden?! Alles andere wäre absurd und alarmierend.
Die Fakten: Der Anteil von Kindern mit Eltern, die einen Uni-Abschluss haben, ist in AHS mit 43 Prozent viermal so hoch wie in Hauptschulen (elf) und dreimal so hoch wie in Neuen Mittelschulen (14). Umgekehrt ist der Anteil der Kinder mit sehr hoher bzw. hoher sozialer Benachteiligung in Hauptschulen (19 Prozent) viermal, in NMS (25) fünfmal höher als in Gymnasien (5). Das sind Rahmenbedingungen, die vieles erklären.
Denn noch immer sind die Schülergruppen, die abgehängt werden, sehr klar zu identifizieren. Soziale Nachteile, die die Kinder von außen mitbringen, manifestieren sich noch immer als schlechtere Bildungsleistungen. Wer Eltern mit wenig Bildung hat, wird selbst wenig Bildung haben. Und "mit Migrationshintergrund" wird es noch schwieriger, in diesem System zu reüssieren. Das verhärtet und reproduziert soziale Schieflagen.
Gesellschaftliche Ungleichheitslagen sind aber kein ehernes Erbe. Die Leistungsdifferenz in Englisch, wo deutschsprachige und nichtdeutschsprachige Kinder quasi von einer Startlinie losrennen, erklärt sich fast zur Gänze aus Unterschieden im Sozialstatus, der Migrationsaspekt wirkt da nicht nachteilig. Das ist ein Ansatzpunkt, den die Politik - nicht nur die Schulpolitik, die kann es nicht allein! - ins Zentrum holen muss.
Dass die Neuen Mittelschulen diesen sozialen Chancenausgleich trotz schwierigerer Ausgangslage (mehr sozial stark benachteiligte Kinder und auch mehr Schüler mit Migrationshintergrund als die Hauptschulen) - und mit mehr Ressourcen, wohlgemerkt! -, schaffen und in Englisch gleiche Leistungen wie die Hauptschulen zustande bringen, zeigt: Wer sich bewusst mit der Zusammensetzung der Schüler und dem Unterricht, noch dazu im Lehrer-Tandem, auseinandersetzen muss, macht viel richtig. Es wirkt.
Die Analyse der Ergebnisse zeigt vor allem eines: Schule bzw. Schulpolitik muss sich stärker mit außerschulischen Rahmenbedingungen konfrontieren, wenn sie leisten will, was sie soll. Es bedeutet einen gravierenden Unterschied, ob man in einer Klasse unterrichtet, in der fast nur Kinder aus bildungsnahen, saturierten Familien sitzen oder in einer babylonischen Versuchsanordnung, in der viele den Kopf mit existenzielleren Problemen draußen vor dem Schultor voll haben.
Da hin müssen in Zukunft mehr Ressourcen. Mut zur Umverteilung - und die privilegierten Eltern müssen keine Angst haben, dass ihre Kinder benachteiligt werden könnten. Wer in einem Haus voller Bücher, CDs und genug Geld aufwächst, dem kann die Schule gar nicht wirklich schaden. Kein Grund zum Konkurrenzneid von oben.
Man möchte sagen: Entspannt euch! Es ist für euch und eure Kinder letztlich viel wichtiger, als ihr vielleicht ahnt, ob die, die jetzt in der Schule an den Pannenstreifen gedrängt werden, danach immer noch nicht fahrtüchtig sind, um durchs Leben zu kommen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 1.2.2014)
Das Ergebnis ist zum Teil no na und beruhigend: Wie anders als klar besser sollten denn die Gymnasien, die auf eine vorsortierte Schülerpopulation zurückgreifen können, bei einer solchen Testung abschneiden?! Alles andere wäre absurd und alarmierend.
Die Fakten: Der Anteil von Kindern mit Eltern, die einen Uni-Abschluss haben, ist in AHS mit 43 Prozent viermal so hoch wie in Hauptschulen (elf) und dreimal so hoch wie in Neuen Mittelschulen (14). Umgekehrt ist der Anteil der Kinder mit sehr hoher bzw. hoher sozialer Benachteiligung in Hauptschulen (19 Prozent) viermal, in NMS (25) fünfmal höher als in Gymnasien (5). Das sind Rahmenbedingungen, die vieles erklären.
Denn noch immer sind die Schülergruppen, die abgehängt werden, sehr klar zu identifizieren. Soziale Nachteile, die die Kinder von außen mitbringen, manifestieren sich noch immer als schlechtere Bildungsleistungen. Wer Eltern mit wenig Bildung hat, wird selbst wenig Bildung haben. Und "mit Migrationshintergrund" wird es noch schwieriger, in diesem System zu reüssieren. Das verhärtet und reproduziert soziale Schieflagen.
Gesellschaftliche Ungleichheitslagen sind aber kein ehernes Erbe. Die Leistungsdifferenz in Englisch, wo deutschsprachige und nichtdeutschsprachige Kinder quasi von einer Startlinie losrennen, erklärt sich fast zur Gänze aus Unterschieden im Sozialstatus, der Migrationsaspekt wirkt da nicht nachteilig. Das ist ein Ansatzpunkt, den die Politik - nicht nur die Schulpolitik, die kann es nicht allein! - ins Zentrum holen muss.
Dass die Neuen Mittelschulen diesen sozialen Chancenausgleich trotz schwierigerer Ausgangslage (mehr sozial stark benachteiligte Kinder und auch mehr Schüler mit Migrationshintergrund als die Hauptschulen) - und mit mehr Ressourcen, wohlgemerkt! -, schaffen und in Englisch gleiche Leistungen wie die Hauptschulen zustande bringen, zeigt: Wer sich bewusst mit der Zusammensetzung der Schüler und dem Unterricht, noch dazu im Lehrer-Tandem, auseinandersetzen muss, macht viel richtig. Es wirkt.
Die Analyse der Ergebnisse zeigt vor allem eines: Schule bzw. Schulpolitik muss sich stärker mit außerschulischen Rahmenbedingungen konfrontieren, wenn sie leisten will, was sie soll. Es bedeutet einen gravierenden Unterschied, ob man in einer Klasse unterrichtet, in der fast nur Kinder aus bildungsnahen, saturierten Familien sitzen oder in einer babylonischen Versuchsanordnung, in der viele den Kopf mit existenzielleren Problemen draußen vor dem Schultor voll haben.
Da hin müssen in Zukunft mehr Ressourcen. Mut zur Umverteilung - und die privilegierten Eltern müssen keine Angst haben, dass ihre Kinder benachteiligt werden könnten. Wer in einem Haus voller Bücher, CDs und genug Geld aufwächst, dem kann die Schule gar nicht wirklich schaden. Kein Grund zum Konkurrenzneid von oben.
Man möchte sagen: Entspannt euch! Es ist für euch und eure Kinder letztlich viel wichtiger, als ihr vielleicht ahnt, ob die, die jetzt in der Schule an den Pannenstreifen gedrängt werden, danach immer noch nicht fahrtüchtig sind, um durchs Leben zu kommen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 1.2.2014)
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